27. Jan

Judo als Profisport zweiter Klasse

Die Politik ließ das Trainingslager Mittersill abbrechen, während 30 Kilometer daneben die Kitzbühelrennen stattfanden.

Politik ist die Kunst des Möglichen, wusste schon Otto von Bismarck.

 

Als die Salzburger Politik rund um Landeshauptmann Wilfried Haslauer Anfang dieser Woche das Judo-Trainingslager in Mittersill abbrechen ließ, dürfte sie sich an diesem Leitsatz entlang gehantelt haben.

 

Denn sonst ist der Abbruch schwer zu argumentieren.

 

Das für gewöhnlich von knapp tausend Judoka aus aller Welt besuchte Camp (Bild oben: ÖJV/gepa) war diesmal auf erlesene 200 Teilnehmer aus 13 Nationen heruntergeschraubt worden. Diese wurden allesamt zweimal getestet und auf zwei exklusiv für sie zur Verfügung gestellte Hotels (Touristen sind derzeit ohnehin nicht erlaubt) aufgeteilt. Nur innerhalb dieser Bubble durften sich die Sportler bewegen, genau so wie es das abgesegnete und mehrfach erprobte Hygienekonzept des ÖJV eben vorsah.

 

Mit einem ähnlichen Konzept waren auf der anderen Seite des Jochbergs, im nur 30 Kilometer entfernten Kitzbühel, rund 60 Skirennläufer und der rund 600-köpfige Weltcup-Tross bestehend aus Betreuern, Wachslern oder Journalisten ausgestattet. Wenn das auch auf Tiroler Seite war, stand eine Absage der fast gleichzeitig stattfindenden Streifrennen in der Skination Österreich nie ernsthaft zur Diskussion. Im Gegenteil, hatte doch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel bis zuletzt dafür gekämpft, sogar Zuschauer bei den Hahnenkammrennen zuzulassen. Das Argument der geringeren Ansteckung bei Outdoorsportarten konnte der ÖSV spätestens nach den Clustern bei seinen Skispringern und Ski-Damen zu Grabe tragen.

 

Zurück zum Judo-Trainingslager nach Mittersill: Genau nachzuverfolgen, wer den metaphorischen Stein für den Abbruch ins Rollen gebracht hatte, ist kaum möglich. Mehrere Umstände dürften zusammengekommen sein: Der Frust speziell in der Salzburger Bevölkerung war wegen der 152 teils britischen Skilehrer im Pongau noch einmal angefacht worden. Darauf setzte eine Boulevard-Berichterstattung auf, die gegen die Landespolitspitze schoss. Das ergab ein gutes Biotop, um unreflektierte Berichte über Hunderte Judoka aus 30 Nationen in Mittersill mit einem Mal ins gleiche Eck wie partysuchende Touristen zu stellen.

 

Wie auch immer wurde der Druck so groß, dass die Salzburger Landespolitik kalte Füße bekam. Dem ÖJV blieb als einzige Option zur Schadensbegrenzung übrig, den Abbruch als gemeinsame Entscheidung aus Solidarität der Bevölkerung gegenüber zu präsentieren.

 

Kürzestes Mittersilltrainingslager aller Zeiten

Die Sportler begegneten dem Abbruch mit gemischten Gefühlen. "Einerseits war es ein Schock", schildert Daniel Allerstorfer, der mit Mario Wiesinger die Mühlviertler Fahnen in Mittersill hochhielt. "Andererseits war eine Portion Galgenhumor dabei, weil es wäre auch zu schön gewesen, hätte dieses Trainingslager stattfinden können."

 

Die internationalen Teams zeigten trotz des Nackenschlags Verständnis, ist man es doch schon gewohnt. Zuletzt hatten bereits kleinere Trainingslager in Kienbaum (GER) oder Papendal (NED) kurzfristig abgesagt werden müssen.

 

Der ÖJV stellte nach der letzten Trainingseinheit am Dienstagvormittag noch eine weitere Batterie Coronatests zur Verfügung, damit sich die Abreisenden vergewissern konnten, nicht ein unerwünschtes Souvenier aus dem Salzburgischen mitzunehmen. Die einzige Nation, die per Flieger gekommen war, waren die Dänen. Aus Ermangelung eines sofortigen Rückflugs wird das Team um Chefcoach Peter Scharinger in Abstimmung mit dem ÖJV noch bis Donnerstag auf der Linzer Gugl mittrainieren. 

 

Eine Flexibilität, die bestimmt auch unter die Kunst des Möglichen fällt.



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